Vorhang auf für Santorin!

Ein Eiland wie eine Theaterkulisse: Santorin, einst durch gewaltige Vulkanausbrüche geformt, ist ganz einmalig auf dieser Welt. Die schneeweißen Orte der Insel krallen sich an den Rand schroffer Felsklippen – ein Balanceakt voll mediterraner Leichtigkeit, messerscharf am Abgrund hoch über dem ägäischen Meer.
Text und Fotos: Stefan Nink

Das Meer ist wie eine Scheibe aus blauem Stahl, weit, groß, unergründlich

Komm, da vorne: Da kann man auf den Felsen sitzen und aufs Meer schauen. Was hast Du dabei zum Frühstück? Brot vom Bäcker in Thíra, ganz warm noch. Schafskäse, Oliven. Griechischen Joghurt mit Honig, so cremig, dass man ihn am liebsten mit den Fingern essen würde. Und der Kaffee in der Thermoskanne aus dem Hotel dampft sogar noch!

Komm, setz Dich, setz Dich neben mich, iss und schau: So ein Panorama gibt es nur hier. Was siehst Du? Das Meer? Ja, natürlich. Das Meer ist überall, so weit man blicken kann an diesem frühen Ägäismorgen, vor uns, links, rechts, eine gehämmerte Scheibe aus blauem Stahl, weit, groß, unergründlich.

Und mitten in diesem Meer sitzen wir, auf unserer Klippe, auf unserer Insel, auf Santorin, auf dem Rand eines der größten Vulkane des Mittelmeerraums. Siehst Du, wie die Insel sich biegt, fast wie eine Klammer? Wenn Du diesen Bogen mit dem kleinen Thiasia dort hinten am Horizont verbindest, dann hast Du den Kraterrand komplett. Und wenn wir auf dem Rand sitzen, dann ist das vor uns, das Meer in der Mitte, dann ist das der…? Genau.

Beim Ausbruch des Vulkans blieb auf Santorin kein Stein auf dem anderen

Es gibt nicht viele Orte auf dieser Welt, an denen man die Kraft der Erdgeschichte so gut nachvollziehen kann wie auf Santorin, wo man von jedem Aussichtspunkt hinab in den Krater jenes Vulkans blickt, der diese Insel einmal war. Man muss noch nicht einmal ein Luftbild bemühen oder auf eine Landkarte schauen: Was hier passiert ist, damals, vor 3500 Jahren – das kann man sich auch bei einem Frühstück am Rande dieses Kraters ziemlich gut vorstellen.

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten brach Santorin, der Vulkan, damals aus. Lava, Gase und das Meerwasser schaukelten sich gegenseitig zu immer heftigeren Reaktionen auf, Steine, Asche und Lava schossen hoch hinauf in der Himmel, und mit ziemlicher Sicherheit gab es einen großen Tsunami, der über das Mittelmeer rollte und große Schäden auch noch an entfernten Küsten anrichtete.

Oben an den Rand des Kraters krallen sich Postkarten-Orte wie Fira und Oia

Auf gute Nachbarschaft: Dicht an dicht lebt man hier beieinander – die Orte wie Thíra und Oía auf Santorin haben alles, nur keinen Platz zwischen den Häusern. Aber wen stört's?
Auf gute Nachbarschaft: Dicht an dicht lebt man hier beieinander – die Orte wie Thíra und Oía auf Santorin haben alles, nur keinen Platz zwischen den Häusern. Aber wen stört’s?

Die Wissenschaft in ihrer manchmal kaum zu ertragenden Sachlichkeit nennt dieses Ereignis „Minoische Eruption“. Auf der Insel blieb dabei kein Stein auf dem anderen, und als alles vorbei war, war das alte Santorin verschwunden. Seine Reste sind jenes Santorin, das wir heute kennen.

Das ist der Grund, weswegen keine andere Insel der Ägäis – und möglicherweise keine andere Insel der Welt – einen derartigen Ausblick bietet. Santorin ist geformt wie ein umgekehrtes großes C, mit dem Meer in der Mitte. Früher war Santorin einmal ein großes O, aber bei dem Vulkanausbruch damals brach ein Drittel des Bergrandes weg und das Wasser rauschte in das große O, das seitdem nur noch ein großes C ist. Oben an den Rand des Kraters krallen sich nun Postkarten-Orte wie Fira und Oia mit ihren verschachtelten, übereinander gestapelten Häusern. Und egal, wo man auf dieser Inselseite unterwegs ist: Der Blick in die Tiefe ist atemberaubend.

Doch, das stimmt schon: Santorin ist bezaubernder als jede Postkarte von Santorin, und deswegen wirkt die Insel schon in kleinsten Dosierungen. Es fällt einem zum Beispiel unglaublich schwer, die Hotelzimmerterrasse mit ihrem Einmal-im-Leben-Panorama zu verlassen, steil hinunter ins Meer und bis hinaus in alle Ewigkeit. Man sitzt da, trinkt einen Kaffee, trinkt ein Wasser, trinkt einen Wein, sitzt da und sieht zu, wie die Zeit vorüber geht. Wenn man lange genug wartet, versinkt die Sonne hinter der Ägäis, und man muss die Augen zukneifen, weil dann alles funkelt und blitzt und glitzert, als habe sich das Wasser in flüssiges Gold verwandelt. Wenn man den Blick vom Meer abwenden kann und sich umdreht und Santorin selbst betrachtet, scheint es zu leuchten. Von innen heraus. Aus sich selbst.

Weiß und blau: Die Farben Santorins sind klar definiert, Häuser, Himmel und Meer stehen im Einklang

Sehen, schauen, betrachten: Viel mehr muss man hier nicht tun. Langweilig wird das nie. Manchmal sieht die Insel bis ins kleinste Detail durchstrukturiert aus: Der blaue Türrahmen passt zu den blauen Fensterläden, und die passen zum blauen Gartenzaun, und der wiederum zu den blauen Kuppeln der Kirchen. Selbst die Schubkarre hat man in Ägäis-Blau gestrichen (seitdem muss man sie allerdings festketten, weil sie sonst von fotografierenden Touristen von einer Hauswand zur nächsten gekarrt würde). Die Katzen liegen so malerisch auf den weiß verputzten Treppenstufen, dass man sie für Attrappen hält. Die gestikulierenden Männer im Kafenion unten am Hafen posieren offensichtlich für eine Neuverfilmung von „Alexis Sorbas“. Und wenn man nicht sehen würde, wie schwer sich die verhutzelten Großmütterchen auf den steilen Treppen abmühen – man könnte sie für Statisten im Dienste der Fremdenverkehrswerbung halten.

Wahrscheinlich würde Poseidon eine Insel wie Santorin modellieren, wenn Zeus ihm sagte: Posi, alter Kumpel, die Ägäis ist mir ein bisschen zu langweilig, zu viel blaues Wasser, du weißt schon, mach mir doch einfach mal ein bisschen Land da mittenrein. Anders gesagt: So wie Santorin würde man eine griechische Insel anlegen, wenn es noch keine griechische Insel geben würde.

Deswegen ist hier eigentlich immer Betrieb. Beim Frühstück auf der Klippe kann man morgens zusehen, wie die großen Kreuzfahrtschiffe vor Anker gehen, eins, zwei, drei, vier, dann noch ein paar mondäne Yachten plus Fähren plus zwei Handvoll Segler, bis da unten irgendwann beinahe so viele Schiffe liegen wie damals vor Troja. Bis zu 10.000 Tagestouristen kommen jeden Tag hinauf, und das sind die Stunden, in denen man sich besser davon macht. Entweder zu einer langen, ausgedehnten Mittagspause. Oder ins Inland, in einen Ort wie Pirgos Kallistis zum Beispiel, wo die Wirte in den kleinen Restaurants fast schon erstaunt scheinen über Reisende, die vom Kraterrand mit dem Bus heran gefahren kommen. Erstaunt, und anschließend sehr fürsorglich: Die Portionen, die sie an die Tische bringen, kann beim besten Willen niemand bezwingen.

Doch, die Griechen sind noch immer die Griechen, Krise hin oder her, sie sind nett und aufmerksam und gastfreundlich. Und Griechenland ist immer noch Griechenland, das Meer weit, der Himmel blau und die Häuser dazwischen gleißend weiß, und die Fragen, über die man selbst nachgrübelt, sind auch immer noch die alten: Warum haben immer nur drei Tischbeine die gleiche Länge? Wer fertigt diese Korbstühle mit ihren unmöglichen, knallharten Rückenteilen, auf denen man nach zehn Minuten Rückenschmerzen bekommt? Warum lassen sich die Marmeladendöschen beim Frühstück noch immer nicht öffnen, warum schmeckt das erste Glas Retsina noch immer nach Uhu, und warum läuft noch immer die gleiche “Greatest Bouzouki-Hits”-Platte wie schon 1982? Ach ja.

Kultur und Genuss: Zu den kulturellen Highlights zählen die Ausgrabungen von Akrotíri; viele Shops, Bars und Restaurants sind bis spät in die Nacht geöffnet

Die Farben Santorins: Weiß und Blau © AdobeStock/Puntostudiofoto Lda
Die Farben Santorins: Weiß und Blau © AdobeStock/Puntostudiofoto Lda

Wo wir gerade in der Vergangenheit unterwegs sind: Manche Forscher glauben, Santorin sei der letzte verbliebene Rest von Atlantis, und bei dem gigantischen Vulkanausbruch damals sei viel mehr im Meer versunken als bloß eine kleine Kykladeninsel. Kann man überall nachlesen, steht in jedem Reiseführer, aber dann ist man auf Santorin und findet – nichts dazu. Sehr sympathisch ist das! Es gibt genügend Orte und Regionen, die aus einer solchen Steilvorlage einen Höllenrummel entfachen würden, vom Atlantis-Erlebnispark bis zum “Der Tag, an dem die Welt unterging”-Musical mit Costa Cordalis in der Hauptrolle. Auf Santorin gibt es nichts davon, überhaupt nichts. Wahrscheinlich hat man hier schon sehr früh gelernt, dass nichts auf dieser Insel so einzigartig ist wie das Panorama. Und möglicherweise ja auch, dass man die Götter nicht herausfordern sollte, wenn man am Rande eines Vulkankraters lebt, auf einem kleinen Stück Land mitten im Ozean.

Stattdessen hat man Akrotiri ausgegraben, die Reste einer alten Stadt. Ihre Bewohner hatten damals Glück: Weil sich der Vulkanausbruch durch Erdbeben ankündigte, konnten sich die Menschen auf Schiffen in Sicherheit bringen. Ihre Stadt kann man nun besuchen, die Archäologen haben eine luftige, moderne Halle um und über sie gebaut, in der ein Holzsteg zu den wichtigsten Ruinen führt. Akrotiri ist ein beeindruckender Ort. Er beschwört Bilder herauf, und irgendwann beginnt im Kopf eine Kinovorstellung, die eine ganze Zeitlang dauert und noch immer läuft, wenn man nach dem Museumsbesuch zum nahen Strand hinunter geht. Dort sitzt man dann im Sand, schaut hinaus und stellt sich die Boote und Schiffe vor, wie sie die Heimat verließen und ins Ungewisse segelten, fort von der Insel, bloß fort. Und hinaus auf jenes Meer, über das heute all die gezogen kommen, die sich von dem versunkenen Vulkan bezaubern lassen wollen.